Farell und Nuloks
Auszug aus "Mondschein und Schattenstern" von Kip Supernova
Nuloks und Farell konnten sich nicht ausstehen. Das war schon immer so, jedenfalls solange die Alten und Weisen diese Geschichten über die Schlachten erzählten, welche beide Stämme gegeneinander vor vielen Sommern geführt hatten. Und das taten sie auch schon seit vielen Sommern. Nuloks lebten in den Sümpfen, hatten eine schlammig grüne Haut mit einem sehr kurzen, ebenfalls schlammig grünen Fell und waren insgesamt sehr ungepflegt, faul und dumm. So erzählten es jedenfalls die Alten und Weisen der Farell, einem Stamm, der in den Wäldern lebte, im Einklang mit der Natur. Die Farell hatten ein hellbraunes, gepflegtes Fell, große Ohren, einen wachen Verstand und waren stets gütig und vernünftig. Na ja, die meisten von ihnen.
Mondschein, wie der junge Farell genannt wurde, interessierte sich sehr für die Geschichten der Alten, aber er spann sich auch gerne selbst seine eigenen Geschichten, hing seinen Träumen und Gedanken nach und vernachlässigte dabei stets seine Pflichten als Hüter der Pflanzen. So nannte man den Beruf des Gärtners bei den Farell. Mondschein – auch Artem genannt – hatte seinen Seelennamen in der Nacht seiner Geburt erhalten, als die beiden Monde am Himmel hell erstrahlten. Mondschein war sein Seelenname, Artem sein Rufname. Jeder Farell trug einen Seelennamen, den er jedoch nur jenem offenbarte, dem er auch seine Liebe gestehen sollte.
Jeder Farell trug seinen Seelennamen für sich im Geheimen und durfte diesen nur in der Nacht seiner ersten Liebe offenbaren. Mit dieser Person teilte sich dann ein Farell den Seelennamen, und beide wurden dadurch Eins. Man kann es mit der Hochzeit vergleichen, wie sie die Menschen der Erde kennen, wenn auch ohne große Party mit Saus und Braus und Musik. Farell liebten und verbanden sich still, friedlich und für sich. Erst wenn sie sich ihrer Verbindung sicher waren, teilten sie diese mit der Gemeinschaft. Und dann war Saus und Braus und Musik angesagt.
Doch von diesen Dingen hielt Artem nichts. Vermutlich würde niemals ein anderes Wesen seinen Seelennamen erfahren, denn er hatte nicht vor, sich mit einem anderen Farell im Zauber der Liebe zu vereinen. Er hatte Wichtigeres im Sinn.
An diesem besagten Tag, an dem sich sowohl für Artem als auch für seinen Stamm alles ändern sollte, herrschte Hitze. Das war auf dem Planeten Eburia nichts Besonderes, vor allem nicht in den Wäldern der Farell-Stämme, aber die Hitze plagte den jungen Farell an diesem Tag sehr. Er tapste durch das Unterholz, schob riesige Bambusblätter und Äste beiseite auf der Suche nach einem See, Fluss oder wenigstens einer Matschpfütze. Seine nackten Füße berührten den trockenen Boden, wo hier und da mal ein wenig Gras wuchs. Oder kleine Cillabeeren.
Artem ging in die Hocke und betrachtete die winzigen Pflanzen, an denen kleine, blaue Beeren wuchsen. „Cillabeeren“, sagte er laut und grinste. „Genau das Richtige!“
Er pflückte die Beeren vorsichtig mit seinen vier Fingern ab und verstaute sie in seiner kleinen Ledertasche, die er bei sich trug. Die Beeren waren zwar essbar, doch Artem hatte andere Pläne damit. Denn er war nicht nur ein Pflanzenhüter, sondern wollte auch Zauberer werden. Die Alten und Weisen behaupteten zwar, die Zeiten, in denen Farell an Magie glaubten, seien seit den Tagen der Ankunft der Fremden vorbei, aber Artem gab darauf nichts. Wieso sollte die Ankunft der Blauen etwas an der Tatsache ändern, dass die Farell einst zaubern konnten? Und wenn es nur das Heilen von Krankheiten war.
Zufrieden mit seinem Fund machte sich Artem weiter auf den Weg durchs Unterholz. In der Ferne sangen Vögel, hier und da surrten Insekten, und am Himmel waren die beiden Monde zu sehen. Am Tage sahen die Himmelskörper schon beeindruckend aus. Sie waren so groß, dass es den Eindruck erweckte, sie könnten jeden Augenblick vom Himmel fallen.
Die Vorstellung, dass Farell einst jede Nacht zum Himmel Lieder gesungen hatten, weil sie glaubten, die Monde würden sonst herabfallen, amüsierte Artem immer wieder. Bei dem Gedanken daran lachte er leise. Die Blauen hatten seinem Volk erklärt, dass es hinter den Monden sehr viele andere Planeten, Monde, Sonnen und Nebel gab. Und dass das Singen von Liedern nicht verhindern würde, wenn sich Himmelskörper doch bewegen wollten. Dann hatten die Farell es eben gelassen. Nur manchmal sangen sie ihre Lieder noch, aber nur um die Macht der Monde zu feiern, denn ohne diese Monde – so hatte es einer der Blauen erklärt – würde Eburia gar nicht existieren.
Gedankenverloren streifte Artem durch den Wald, als er plötzlich ein lautes Kreischen vernahm. Zuerst dachte er, es sei ein Tier, das in eine von Torkos Fallen getappt war. Dass dieser Dummkopf immer noch gemeine Fallen für Tiere im Wald aufstellte, machte Artem wütend! Er wollte das arme Tier finden und es befreien.
„Yiaaarr! Yiaaaarrr!“, klang das Kreischen durch den Wald, und es klang so jämmerlich und mitleiderregend, dass Artem seinen Schritt beschleunigte. Sein Herz schlug schneller und er schwitzte. Ob das arme Wesen wohl blutete und sehr verletzt war? Würde er zu spät kommen? Und was war wohl in Torkos Falle gegangen? Ein Bubbler oder eine Vinni?
Das Kreischen wurde lauter und Artem rief: „Keine Angst, ich komme!“
Er kämpfte sich durch hohes Gras und blieb dann wie angewurzelt stehen, als er sah, was in die Schlingfalle gegangen war: Ein schlankes Wesen, etwa in seiner Größe, mit schlammig grünem Fell, gelben Augen, großen Ohren und nur mit einem roten Lendenschurz bekleidet. Es zappelte, und seine nackten Füße klopften dabei auf das Gras, seine dürren, langen Arme ruderten durch die Luft. „Yiaarr! Yiarr! Resh dar marr!“, kreischte es mit einer rauen Stimme.
„Ein Nulok …“, flüsterte Artem erschrocken. Und in der Tat: Zwei gelbe, blutunterlaufene Augen funkelten ihn böse an, sein Mund zeigte spitze, fletschende Zähne und gab mit rauer Stimme weiter dieses Kreischen von sich: „Yiarr! Yiarr! Resh rarr rarr!“
Es klang irgendwie wie ein großer, schwarzer Vogel. Oder eben ein Nulok, dessen Hals in einer Schlingfalle steckte und dessen Kehle immer stärker zugedrückt wurde. Der Nulok kämpfte quasi mit Händen und Füßen gegen den Erstickungstod.
Artem war wie gelähmt, und die Geschichten der Alten kamen ihm wieder in den Sinn. Wie gemein, hinterhältig und brutal die Wesen aus den Sümpfen doch waren. Und jetzt war eines von ihnen direkt vor ihm, im Todeskampf. Gefangen in einer Falle, die ein Farell gestellt hatte, um Tiere zu fangen.
Die Augen des Nuloks waren weit aufgerissen, und sie schimmerten wie Edelsteine. Der Gesichtsausdruck des Wesens, das noch sehr jung und schwach wirkte, schien Artem anzuflehen. Wie ein wildes, gefährliches Tier, das die Aussichtslosigkeit seiner Lage erkannt hatte und nun seinen potenziellen Retter anflehte, ihm doch sein Leben zu retten.
Oder bildete sich Artem das nur ein? Es war immerhin ein Nulok … Und Nuloks waren keine guten Wesen, die man retten sollte. Die man …
Artem holte sein Messer aus der Ledertasche, ging langsam auf den Nulok zu, der ihn jetzt mit aufgerissenen Augen angsterfüllt anstarrte. Er zappelte und versuchte verzweifelt, mit seinen langen, spitzen Fingern die Schlinge um seinen Hals zu lösen.
„Zapple nicht so herum!“, sagte Artem und gab sich Mühe, seine Stimme streng und böse klingen zu lassen. Der Farell war nicht gut darin, strenge Befehle zu erteilen, er war doch nur ein Pflanzenhüter. Und zu Pflanzen musste man nicht streng sein. Oder ihnen Befehle erteilen.
Der Nulok hielt in seinen Bewegungen inne, gab aber wieder kreischende Geräusche von sich, als er das Messer sah. „Nieeharrr! Niiiieeehh!“
„Du sollst stillhalten!“, zischte Artem ungeduldig und setzte das Messer an der Schlinge an. „Oder soll ich dir den Hals durchschneiden? Damit ist dir auch nicht geholfen.“
Jetzt aus nächster Nähe musste Artem wieder an die vielen Geschichten über die Nuloks denken: Dass ihr Gestank so dermaßen unerträglich sein sollte, dass einem sofort übel wurde, wenn man auch nur in der Nähe eines Nuloks war. Aber dieser Nulok roch nur nach feuchtem Laub und ein wenig nach Erde. Jedenfalls stellte Artem das fest, als er seinen Atem nicht mehr anhalten konnte. Das hatte er aus Angst vor dem Gestank nämlich die ganze Zeit getan.
Der Nulok hielt still, schloss die Augen und begann zu zittern. Artem war sich nicht sicher, ob dieses Wesen ihn überhaupt verstand. Über die Sprache der Nuloks hatten die Alten nie ein Wort verloren. Sie beschrieben sie eher wie wilde, bösartige Tiere, aber nicht wie Wesen, die sprechen konnten. Und ob der Nulok vor ihm nur deshalb solche Geräusche von sich gab, weil seine Kehle in einer Schlinge steckte, oder ob es seine echte Sprache war, konnte Artem zu diesem Zeitpunkt nicht sagen.
Schließlich schaffte er es, eine Stelle zu finden, wo er die Schlinge mit seinem Messer durchschneiden konnte: Er setzte mit der Klinge an und mit einem kurzen, aber kräftigen Ruck war die Schlinge gelöst und der Nulok frei!
In dem Augenblick, als die Schlinge entzwei fiel, sprang Artem zurück, hielt sein Messer schützend vor sich und machte sich bereit für … ja, wofür eigentlich? Der Nulok saß im Gras, betastete seinen Hals, hustete und spuckte auf die Erde und gab dann seufzende Geräusche von sich.
„Zibuk. Was für ein Schreck“, ächzte der Nulok, tastete seinen Körper ab, als würde er nach etwas suchen, dann ging er in die Hocke und sein Blick fiel auf Artem. Sie sahen sich zum ersten Mal direkt in die Augen: Gelbe Augen trafen auf hellgrüne Augen. Nulok auf Farell. Und beide sahen sich für einen Moment schweigend an.
„Du kannst sprechen?“, sagte Artem überrascht.
Der Nulok lachte und schüttelte den Kopf. „Bis vor einer Stunde konnte ich es noch, danke für die Blumen, Bester. Nipuk, ich glaube, ich habe ganz schön viele Dornen im Pelz und meine Füße brennen auch.“ Jetzt betrachtete der Nulok seine Füße und begutachtete sogar die Fußsohlen und Zehen.
Artem war immer noch in Kampfpose, bereit, den Angriff des Nuloks abzuwehren. Doch der war an seinen Füßen und den kleinen, abgebrochenen Dornen in seinem schlammig grünen Pelz mehr interessiert als an der Tatsache, von einem Messer bedroht zu werden.
„Was ich jetzt brauche, ist ein Schlammbad“, murmelte der Nulok vor sich hin, richtete sich auf und klopfte mit seinen Händen auf den waschbrettförmigen Bauch und seine dürren Oberarme. Sein Blick fiel wieder auf Artem. „Zibuk, was willst du damit? Mich schlachten und aufessen wie ein Vunok-Rind? Glaube mir, das würde dir nicht schmecken.“
Artem legte den Kopf schief und glotzte den Nulok blöd an. „Öh, was?!“
Der Nulok schlug sich gegen die Stirn und grunzte. „Ach, stimmt ja. Ihr Farell esst nur Pflanzen. Oder fangt nur kleine Tiere, um sie dann doch zu essen. Aber nur manche von euch, nicht alle. Ja, so war das doch. Irgendwie. Keine Ahnung, ist mir auch tupiko egal. Du bist doch ein Farell, oder?!“
Artem nickte langsam, hielt aber weiter das Messer auf den Nulok gerichtet, der gar nicht so böse und dumm aussah wie in den Geschichten der Alten. Na ja, wild und ungepflegt sah er schon aus, aber Angst hatte Artem eigentlich nicht vor ihm.
„Und wie ist es mit dir? Kannst du auch sprechen?“
„Ja, das sagte ich doch schon. Oder nicht?!“
„Nicht wirklich, aber schön, dass du es kannst. Und danke für die Befreiung, ich hatte heute zibuk noch mal was anderes vor als zu sterben.“ Der Nulok seufzte. „Morke ist dir sehr dankbar, muss jetzt zibuko noch mal weiterziehen. Habe noch was zu tun.“
„Morke … ist das jetzt dein Name oder heißt du Zibuko?!“
Der Nulok lachte so heftig, dass er sich den Bauch festhalten musste. „Ich werd’ mipumbo nicht mehr! Zibuko wäre ja ein ganz schön lächerlicher Name für einen Nulok, oder? Aber wenn du mich Morke nennen willst, darfst du das gerne machen. Hübscher Schweif übrigens, pass gut auf ihn auf. Also dann, mach’s gut!“
Und dann war der Nulok auch schon verschwunden: Er zog sich ins hohe Gras zurück und war weg. Artem ließ langsam das Messer sinken und beobachtete die Bewegungen der Grashalme. War es der Wind oder war es der Nulok, der sich durch das Gras bewegte und wohin auch immer verschwand?
Artem betrachtete verwirrt seinen Schweif; ein langer, schmaler Schwanz mit einem Haarbüschel an seiner Spitze, das die gleiche gelbe Farbe trug wie seine Haarsträhne, die unter dem violetten, spitzen Hut mit der grünen Feder hervorlugte. Dann fiel sein Blick wieder auf die Stelle, wo Morke verschwunden war. Morke, der erste Nulok, dem Artem begegnet war. Und es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein.
Kip Supernova
Kip Supernova ist eine zentrale Figur im Star Foundry Universum. Als Entdecker, Chronist und kreative Kraft reist Kip durch die Galaxien, dokumentiert neue Welten, Technologien und Lebensformen. Seine Perspektive prägt die Erzählweise und visuelle Gestaltung der gesamten Welt.
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